Eine Seefahrt, die ist ... (Teil 2): Noch 20 Tage bis Montevideo

22. September 2017

Nach dem Ablegen aus Freetown wird die See ein wenig unruhiger, die Temperaturen sind aber weiterhin sehr angenehm. Bordleben wie üblich ist angesagt. Natürlich unternehmen wir auch wieder einen Kontrollgang zum MAN - Gottseidank alles OK. Morgens geht es nun jeweils auf die Brücke. Mehrmals wird die Zeit verstellt - hierüber werden wir jeweils durch unseren Messman informiert (oder aber durch das aufgehängte Schild auf der Brücke). By the way - Kirby wird immer kreativer, was die Verzierungen auf dem Cappuccino angeht.




Die Überquerung des Äquators am frühen Morgen (wir haben uns extra den Wecker gestellt) verläuft dann ziemlich unspektakulär. Irgendwie hat man dort, wo wir waren, die Markierung durch die gelbe Linie vergessen. Wir haben gesucht und gesucht, letztlich gesehen haben wir sie nicht. Wie gut, dass wir unser Navi dabeihaben!!! Ach ja, ob sich ab jetzt das Wasser in der Kloschüssel wirklich anders herum dreht, wissen wir auch nicht. Haben vergessen zu schauen. Eine Äquatortaufe gibt es an Bord leider auch nicht. Aber wir haben vorgesorgt und feiern die Überquerung in unserer Kabine mit einem leckeren Sekt, der noch aus Portugal stammt! Und der von Freunden geschenkte Linie Aquavit hat nun auch wieder den Äquator gequert. Den südamerikanischen Kontinent hat er später noch erreicht, aber dann hat auch sein letztes Stündlein geschlagen.


Heute ist Großreinemachtag. Die Decks werden mit Hochdruckreiniger gesäubert, überall wird angestrichen. Gestelle für große Tische werden geschweißt und mit großen Platten versehen. Und das alles in sengender Sonne. Die Crew tut uns leid. Wir bleiben bis auf kurze Unterbrechungen mehr oder weniger in der Kabine. Es ist sehr heiß, die senkrecht stehende Sonne würde uns sicherlich schnell verbrennen, obwohl wir durch den vielen Aufenthalt im Freien hier auf der Schiffsreise mittlerweile ganz gut an die Strahlung gewöhnt sind. In der Sonne ist es zu heiß, im Schatten leider zu kühl, da diese Schattenseite dummerweise die Windseite ist. Und der Wind hat heftig zugenommen, die See wird zusehends unruhiger.

Auch am nächsten Tag wird überall gewerkelt. Die Stimmung ist sehr gut, die Mannschaft macht einen fröhlichen Eindruck. Eine große Plane wird gespannt und sehr gut befestigt. Am Abend gibt es ein Barbecue. Es gibt leckeres Bier aus Sierra Leone. Und nun wissen wir auch, warum die Langusten in Freetown an Bord gekommen sind. Was so ein Kapitänswechsel ausmacht!




Dies zeigt sich auch am nächsten Tag. Wir erhalten zunächst eine Führung in den Maschinenraum - auch für Nicht-Technikbegeisterte sehr lohnend. Spannend auch die Führung durch die Ladedecks der Grande America. Unzählige Neuwagen (BMW, Porsche, Land Rover, Smart, Minis und viele mehr) sind sicher verstaut. Was hier für Werte herumstehen! Direkt im Anschluss gibt es wieder eine Feuerübung. Diesmal "brennt es in der Laundry". Von all dem dürfen wir keine Fotos anfertigen - aber es war auf jeden Fall ein interessanter Tag.

Noch 14 Tage bis Montevideo. Trotz stärkerem Seegang sind wir absolut fit. Irgendwie hat man sich durch die Dauer der Schiffsreise wohl an das nun heftige Schaukeln gewöhnt. Mahlzeiten müssen wir nicht auslassen, lassen höchstens das Frühstück einmal kürzer ausfallen, um an Deck Delphine, Wale, Basstölpel zu beobachten. Wir nähern uns Vitoria in Brasilien, wo wir zunächst wieder einmal vor der Küste ankern müssen. Die Kulisse ist schon sehr schön. Später ist dann die Einfahrt in den Hafen von Vitoria absolut beeindruckend, zumal die Bewölkung rechtzeitig aufgerissen ist. Nun verstehen wir auch, wieso oberhalb des Schornsteins der Beleuchtungsmast abgeklappt werden musste, mit ihm hätten wir wohl nicht unter der Brücke durch gepasst.




Wir liegen mit gutem Blick auf die Stadt, ein farbenfroher Anblick - und welch Unterschied zu Freetown.



Am nächsten Tag verlassen wir zum ersten Mal seit vier Wochen das Schiff. Erstaunlicherweise reicht für das Verlassen des Hafengeländes eine grottenschlechte Kopie unseres Reisepasses aus. Das Original haben wir ja nicht, das wird beim Kapitän verwahrt. Mit einem Taxi lassen wir uns zusammen mit Nicole und Stefan aus der Schweiz, mit denen wir uns angefreundet haben, hinauf zum Convento da Penha bringen. Die Anlage hoch oben auf einem Hügel hatten wir bereits bei der Einfahrt gesehen und bestaunt. Nun führt uns die Fahrt durch einen schönen Wald hinauf. Oben eine große Kirchenanlage. Neben der tollen Aussicht können wir außerdem Eidechsen und Rabengeier bewundern.




Wir sind sehr froh, diesen Ausflug unternommen zu haben und lassen den Tag an Deck mit einem leckeren brasilianischen Bier ausklingen. Im Hafen bestaunen wir die alten VW Bullys, die hier in großer Anzahl zu sehen sind.


Bis zum Cabo Frio ist die See noch ein wenig unruhig, danach verläuft die Fahrt Richtung deutlich ruhiger. Informationen auf dem Schiff ändern sich ständig. Zuerst heißt es, wir würden Rio de Janeiro erst am Abend erreichen - also nichts mit einer Tour. Aber dann laufen wir plötzlich doch schon am frühen Nachmittag ein. Die Fahrt zum Hafen bietet uns schöne Ausblicke auf die Millionenstadt.





Mit Hilfe des Ersten Offiziers können wir nach dem Anlegen dann kurzfristig eine Tour durch Rio in einem Kleinbus organisieren. Um 16 Uhr geht es los. Wir fahren zum Maracaná-Stadion, besuchen das Sambadrome, fahren durch Favelas hinauf zum Corcovado (Christusstatue). Hier erleben wir den Wechsel von Dämmerung zur Dunkelheit. Rio bei Nacht mit Vollmond - was will man mehr!







Natürlich lassen wir auch die Copacabana nicht aus, bewundern die bunten Kacheltreppen in Lapa. Weitere Stopps gibt es am Parlamentsgebäude, am Theater und am Museum of the Future. Zum Abschluss geht es noch zu den riesigen Murales, die wir schon vom Schiff aus bestaunt haben. Ein gelungener Trip - gegen Mitternacht sind wir zurück auf dem Schiff.







Am nächsten Morgen sollen wir eigentlich um 7 Uhr ablegen, aber zunächst passiert mal wieder nichts. Ein großer Containerfrachter blockiert die Ausfahrt. Gelegenheit, die unzähligen Fregattvögel, die hier über dem Schiff kreisen, ausgiebig zu beobachten. Außerdem erhalten wir so noch Einblicke in das Treiben hier im Hafen. Unvorstellbare Mengen an Fahrzeugen warten auf ihre Verschiffung. Mittags verlassen wir Rio de Janeiro.






Noch 10 Tage bis Montevideo. Nächster Hafen ist Santos in Brasilien. Es ist Nationalfeiertag - aus diesem Grunde wird auf dem Schiff geflaggt. Wir werden allerdings von den Feierlichkeiten an Land nichts mit kriegen, denn wir können mal wieder nicht einlaufen. Arbeit im Hafen an einem Feiertag würde zusätzliche Gebühren kosten. Diese will Grimaldi anscheinend nicht tragen. Und so müssen wir wieder draußen ankern. Irgendwie schade, aber da kann man halt nichts machen. Zumindest ist das Meer ruhig, so können wir mal wieder Delphine und Wale beobachten.


Nach zwei Tagen laufen wir dann in Santos ein. Christine kriegt von diesem Hafen nichts mit. Sie liegt mit hohem Fieber, Halsschmerzen und einem hartnäckigen Husten im Bett - ein Souvenir, das auch mehrere weitere Passagiere aus Rio mitgebracht haben. Auch Peter geht es nicht besonders gut. Nach einigen Tagen geht es langsam wieder besser. In der Zwischenzeit ist es deutlich kühler geworden.


Noch sechs Tage bis Montevideo. Das Meer ist sehr unruhig. Von der Brücke aus schauen wir auf das kabbelige Meer. Raus dürfen wir nicht mehr - zu gefährlich. Mittlerweile haben wir Windgeschwindigkeiten von 120 km/h. Die Geschwindigkeit des Schiffes ist stark reduziert, es schaukelt heftig. Einige leere Container hat es sogar umgeworfen. Da wir immer noch nicht wieder so richtig fit sind, verbringen wir einfach den Rest des Tages im Bett. Abends beruhigt sich die See Gottseidank wieder.



Beim Essen gibt es nun seit langer Zeit endlich mal wieder frischen Salat und auch etwas Gemüse. Das ist wohl in Santos an Bord gekommen. Zuvor eine längere "Durststrecke", in der Fisch und Fleisch einfach solo, ohne irgendwelche Beilagen serviert wurden. Vom Schiff aus sehen wir bereits Uruguay, aber wir werden hier vorüberfahren und noch nicht anlegen. Also immer noch fünf Tage bis Montevideo. Denn zunächst geht es den Rio Paraná hinauf nach Zarate in Argentinien. Diese Fahrt ist aber durchaus nicht unattraktiv. Spannend ist es, auf der Brücke zu stehen und zu sehen, wie der Lotse arbeitet. Leider erfolgt der größte Teil der Fahrt bei Dunkelheit. Morgens gegen 4 Uhr legen wir an. Am nächsten Morgen sehen wir dann, wo wir gelandet sind. Ein recht schmaler Fluss mit ein, zwei Anlegestellen, ein Hafengelände vollgepfropft mit Fahrzeugen aller Art. Wahnsinn!





Gegen Mittag erhalten wir dann endlich unsere Pässe - hier brauchen wir sie - , können von Bord. Wir nutzen die Gelegenheit, in den Ort zu gehen und zunächst einmal Medikamente zu besorgen, um endlich wieder richtig fit zu werden, vor allem, den lästigen nächtlichen Husten loszuwerden. Hier ist es deutlich aufwändiger als in Brasilien, den Hafen zu verlassen, aber alles ist gut organisiert und funktioniert reibungslos. Zunächst melden wir uns an einem kleinen Häuschen in der Nähe des Schiffes. Dort werden alle Daten umständlich festgehalten, eventuelle Kameras, Laptops etc. werden notiert. Dann wird ein Shuttle-Fahrzeug herbeigeholt. Dieses bringt uns zum Ausgang. Hier eine Sicherheitskontrolle, wiederum Festhalten der Daten. Dann können wir den Hafenbereich verlassen. Auf Wunsch telefoniert man sogar ein Taxi herbei.

Zurück auf der Grande America gehen wir auch noch einmal hinunter zum Großen Wagen. Die vielen Wochen im dunklen Schiffsbauch und irgendwelche Verbraucher, die Strom gezogen haben, fordern ihren Preis. Unsere Innenraumbatterien sind leer. Mit Erlaubnis lassen wir den Motor laufen - die Fahrzeugdecks werden hier im Hafen belüftet - und versuchen das Schlimmste, nämlich einen Komplettausfall zu vermeiden.

Da wir noch den ganzen nächsten Tag hier liegen, gehen wir noch einmal von Bord. Im kleinen Park im Zentrum schöne Vögel und blühende Tillandsien. Wir nutzen das gute Internet im Ort, um endlich den Bericht über die erste Etappe hochzuladen, außerdem essen wir im Restaurant Don Juan lecker zu Mittag. "Unser" Koch ist zwar gut, aber so langsam können wir keine Pasta mehr sehen!





Nachmittags sind wir zurück, dann noch ein Besuch beim "Bordfriseur", der eigentlich Steuermann ist, sich das Haare schneiden selbst beigebracht hat. Nun ist Ruhe für die nächsten Wochen.


Früh am kommenden Morgen legen wir ab. Diesmal fahren wir erfreulicherweise am Tag durch die enge Passage. Nur noch ein Tag bis Montevideo. Später sehen wir in der Ferne die Skyline von Buenos Aires.




In der Nacht gegen 23 Uhr legen wir in Montevideo an. Am nächsten Morgen stehen wir zeitig auf. Aber zunächst geschieht ... nichts. Wir warten, warten. Der Kapitän fragt erstaunt, ob wir nicht ausschiffen. Wie denn - ohne Pässe, Impfausweise und Informationen??? Gegen 10.30 Uhr erhalten wir dann die Nachricht, dass die Grimaldi-Agentin mit unseren Dokumenten schon seit einiger Zeit unten an der Rampe bereitstehe. Diese Information hat uns mal wieder nicht erreicht. Nun können wir die Grande America verlassen. Nach 40 Tagen sieht der Große Wagen erstmals das Tageslicht wieder. Die Zollformalitäten sind total einfach und überraschend schnell geregelt. Für die vier Fahrzeuge insgesamt eine knappe Stunde - und es könnte sogar noch schneller gewesen sein, wenn nicht der Computer zweimal ausgefallen wäre. Mittags sind wir und die anderen Reisenden fertig - das große Abenteuer Südamerika kann endlich beginnen.



Ein Fazit zu unseren 40 Tagen auf See: Die Fahrt war kurzweiliger als wir es erwartet haben. Langeweile ist erstaunlicherweise überhaupt nie aufgekommen. Im Gegenteil hatten wir oft das Gefühl, der Tag könne mehr Stunden haben, denn unser vorgenommenes "Programm" haben wir oft nicht geschafft. Die Tage waren ausgefüllt mit den Mahlzeiten, Sportprogramm, Spanisch lernen, Gespräche mit Mitreisenden, lesen, ganz einfach nur schauen, Vorbereitungen für Südamerika. Das Essen war reichhaltig und erstaunlich gut - obwohl wir irgendwann keine Pasta mehr sehen wollten und obwohl nach etwa der Hälfte der Fahrt die frischen Zutaten ausfielen. Etwas mehr Salat und auch einmal Gemüse hätten wir uns schon gewünscht. Aber zumindest gab es nach jeder Mahlzeit frisches Obst, so dass zumindest die Vitamine nicht komplett weggefallen sind. Die frisch gebackenen Brötchen, Foccaccia und Gebäck zum Frühstück waren schon genial. Die wenigen Landgänge waren Highlights. Nach dem Kapitänswechsel konnten wir auch enger mit der Besatzung in Kontakt treten und Einblick in ihren Arbeitsalltag nehmen: Der Messman arbeitete beispielsweise morgens von sechs bis mittags eins, dann wieder von vier bis abends neun. Der zweite Offizier hatte Brückenwache von morgens vier bis acht, danach Bürodienst bis mittags, dann wieder Brückenwache von nachmittags vier bis acht - und das alles sieben Tage die Woche! Kein Wunder, dass es insgesamt auf dem Schiff sehr ruhig war, die dienstfreie Mannschaft schläft. Tauschen möchten wir mit ihnen auf keinen Fall. Speziell Christine war vor Reisebeginn sehr skeptisch, aber nun auch angenehm überrascht. Diese entschleunigte Art des Reisens muss man einmal erlebt haben! Auf jeden Fall ein gelungener Auftakt für diese Reise!

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